Der Einfluss der Globalisierung auf die Wirtschaft
von Manfred Julius Müller, 15. Juli 2007
Es gibt sicher kein zweites Ereignis, das die Weltwirtschaft so verändert hat wie die Globalisierung. Seit mit dem rigiden Abbau der Zölle das Zeitalter der Globalisierung eingeläutet wurde, sind die Gesetze der Marktwirtschaft weitgehend außer Kraft gesetzt, weil ein fairer Wettbewerb kaum noch möglich ist.
Wirtschaft
und Globalisierung: 1. Alle Dämme sind gebrochen!
Wenn es dem
Esel zu geht, geht er aufs Eis. Und wenn die Wirtschaft brummt,
werden manche Volksregenten leichtsinnig und lassen sich von den
"unvoreingenommenen" Experten der Kapitallobby belatschen.
Kurzum: Seit Ende der 1970er Jahre die Zölle geächtet und
abgebaut wurden, haben sich die Bedingungen für die Wirtschaft
grundlegend geändert. Denn fortan war die Wirtschaft eines
Landes den Dumpingattacken aus dem Ausland schutzlos ausgeliefert. In
dem intakten Binnenmarkt der Vorglobalisierungsära wurde der
Wettbewerb der Unternehmen unter verhältnismäßig
fairen Bedingungen ausgetragen, weil alle Firmen mit den gleichen
Löhnen, Steuern und Vorschriften auskommen mussten. Mit dem
Zollabbau hat sich dieses Gleichheitsprinzip radikal gewandelt.
Plötzlich musste der deutsche Hersteller mit ausländischen
Anbietern konkurrieren, deren Produktionskosten um 30, 50 oder gar 90
% niedriger lagen. Das ein solcher unfairer "Wettbewerb" eine
Volkswirtschaft auf Dauer ins Verderben führt, haben wir
ansatzweise bereits in den letzten 27 Jahren zu spüren bekommen:
Die Arbeitslosenzahlen haben sich in Deutschland vervierfacht und die
Reallöhne sind gesunken (dabei hätten sie sich entsprechend
der Produktivität in etwa verdoppeln müssen).
Wirtschaft
und Globalisierung: 2. Ein Interessenausgleich zwischen Kapital und
Arbeit findet nicht mehr statt
In einem
intakten Binnenmarkt liegt das Wachstum der Produktivität im
Einklang mit dem realen Lohnanstieg. Dieser Ablauf vollzieht sich
nicht aus Vernunft oder Großherzigkeit, sondern weil ein echter
Markt ihn erzwingt. Würde nämlich die Produktivität
schneller steigen als die Kaufkraft, würde dies ein
Waren-Überangebot zur Folge haben. Dieses Ungleichgewicht
würde wiederum einen Preiskampf auslösen, der solange
andauern würde, bis sich Kaufkraft und Produktivität wieder
angeglichen hätten.
Wirtschaft
und Globalisierung: 3. Die meisten Großkonzerne können
absahnen
Schon in einem intakten Binnenmarkt herrscht (bei mangelhaften
Gesetzen) ein starker Monopolisierungstrend. Die großen Firmen
sind meistens im Vorteil, weil sie zu günstigeren Konditionen
einkaufen können, im großen Stil die Produktion, Forschung
und Werbung billiger kommt und auch noch hauseigene Juristen und
Steuerexperten die komplexe Gesetzeslage besser ausnutzen
können.
Die Globalisierung nun beschert den ohnehin schon Begünstigten weitere Vorteile. Großunternehmen können leichter und schneller die sich aus der Globalisierung ergebenden Kostenvorteile ausschöpfen, ohne sie an den Verbraucher weitergeben zu müssen (weil Prestigemarken Billigkonkurrenz kaum fürchten müssen). Sie können das globale Dumpingprinzip voll auskosten (im fernen Ausland billigst produzieren und im Hochlohnland teuer verkaufen).
Die mittelständische Wirtschaft ohne Edelmarken-Image hat bei diesem Treiben in der Regel das Nachsehen. Um nicht alle Marktanteile zu verlieren, müssen sie die Kosten senken und zumindest Teile der Fertigung ins Billigausland verlagern. Da sie aber nicht über die Marktmacht und das teure Know-how der Konzerne verfügen, fallen sie bei diesen Ausgliederungsversuchen oft auf die Nase. Entweder gibt es dann im Billiglohnland große Qualitätsprobleme (weil eigene Kontrolleure vor Ort fehlen), oder es kommt noch schlimmer und die Produkte werden gnadenlos abgekupfert und unter anderem Label vermarktet.
Wirtschaft
und Globalisierung: 4. Perversion pur: Wachsende Wirtschaft und
sinkende Einkommen
Deutschland
kann sich rühmen: Es ist quasi zum Musterland der
Globalisierungsverlierer geworden. Denn auch die stetig wachsende
Wirtschaft und die alljährliche Kürung zum
Exportweltmeister können nicht darüber hinwegtäuschen,
dass die Arbeitseinkommen und damit auch der allgemeine Wohlstand
seit Beginn der Globalisierung sinken. In keinem Land wird die
Perversion so deutlich wie bei uns: Was nützen
Wirtschaftswachstum, vermeintliche Exporterfolge, eine drastische
Zunahme des Lkw-Verkehrs, eine kontinuierliche Ausweitung der
Gewerbeflächen, ein steter Anstieg des Energieverbrauchs in der
Wirtschaft (trotz beachtlicher Fortschritte bei der
Energieeffizienz), was nützt es, wenn immer mehr in die Bildung
investiert wird, junge Leute Abitur machen und ein Studium
absolvieren - wenn
alle Mühen und Anstrengungen mit dem Abbau eines längst
erreichten Lebensstandards einhergehen?
Wann wird man endlich einsehen, dass die ganze wirtschaftliche
Entwicklung seit Beginn der Globalisierung (dem Fall der
Zollschranken) extrem abartig ist, dass es pervers ist, wenn auf
Dauer Wirtschaftswachstum und Produktivitätssteigerungen mit
Kaufkraftschwund einhergehen. Der menschliche Erfindergeist und der
technologische Fortschritt hat der Menschheit immer einen
Wohlstandsanstieg beschert - seit Beginn der Globalisierung ist das
völlig umgekehrt. Nur die Kapitalgewinne entwickeln sich
prächtig, die meisten Aktienindizes haben sich seit Beginn der
Globalisierung vervielfacht und die Zahl der Multimilliardäre
steigt und steigt.
Und was macht die Politik angesichts dieser haarsträubenden Perversionen? Sie streitet hilflos über die Symptome, feilscht über Mindest- und Kombilöhne, strengere Auflagen für Arbeitslose, über Pflege- und Gesundheitssysteme und die Subventionierung privater Zusatzrenten - aber denkt nicht im Traum daran, das Übel an der Wurzel zu packen oder auch nur über den Sinn oder Unsinn des Zollabbaus sachlich zu debattieren.
Weiterführende Abhandlungen dazu finden Sie in meinen Büchern.
Home (Eingangsseite www.globalisierungsforum.de)
Manfred
Julius Müller
analysiert seit 30 Jahren weltwirtschaftliche Zusammenhänge und
veröffentlichte unzählige Aufsätze zu den
verschiedensten Themen. Er entwickelte neue Wirtschaftstheorien, die
weltweit neue Maßstäbe setzten und in manchen Ländern
in wichtigen Bereichen bereits die Gesetzgebung beeinflussten.
Inzwischen sind auch vier Bücher erschienen: "Die Kultivierung
des Kapitals", 2001, "Anti-Globalisierung. Zurück zur
Vernunft!", 2002, "Das neue Wirtschaftswunder. Die Entmachtung des
globalen Dumpingsystems", 2005, "Das
Kapital und die Globalisierung",
2008.
Manfred Müller betreibt über 30 politische Websites, unter anderem: www.anti-globalisierung.de, www.neo-liberalismus.de, www.kapitalismus-online.de, www.umweltschutz-klimawandel.de, www.presse-club.de, www.weltwirtschaft-globalisierung.de, www.globalisierung-welthandel.de, www.das-kapital.eu, www.anti-lohndumping.de,
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